aus Karl Otto Erdmann, "die Kunst, recht zu behalten", berlin 1965, s.124 - 126 (rechtbehalten.pdf)

  Ich war einmal Zeuge eines Gesprächs zwischen einem Deutschen und einem Ausländer. Der Deutsche, ein gebildeter Mann und Schriftsteller dazu, beherrschte natürlich seine Muttersprache vollkommen und hielt sich daher für berechtigt, dem nur unvollkommen deutschredenden Ausländer grammatikalische Belehrungen zu erteilen. Als dieser in einem Bericht über seinen Aufenthalt in einem Badeort die Formen: wir haben viel "tanzt" und "lacht" gebrauchte, verbesserte der Deutsche:
  "Es heißt getanzt und gelacht. Dieses sogenannte zweite Mittelwort wird immer mit der Vorsilbe ge gebildet. Es heißt gehört, gelaufen, gesungen, getrunken usw. Nur in Gedichten sind allenfalls die altertümlichen Formen ohne ge zulässig: "Der Frühling ist kommen", - "Und hat ein Blümlein bracht."
  "Wie einfach!" sagte der Ausländer. "Also wir haben viel gelacht und sehr geamüsiert."

"Nur 'amüsiert'. Die genannte Regel gilt natürlich nur für deutsche, nicht für Fremdwörter. Man sagt: interessiert, animiert, illustriert, eruiert, reduziert usw. immer ohne ge. Nur Ungebildete sprechen von 'gestudierten' Herren."
  Der Ausländer dankte für die Belehrung. Er habe immer gebedauert, nicht mehr deutsche Grammatik getrieben zu haben.  Oder heißt es etwa 'begedauert' ?
  "Nur 'bedauert', erwiderte der Deutsche. Be ist eine Vorsilbe. Ist ein Zeitwort schon mit einer solchen versehen, so kann natürlich nicht noch eine zweite davor gesetzt werden. Es heißt geleitet, nicht gegeleitet, verloren, nicht geverloren; ebenso erreicht, bewiesen, zerbrochen usw. Aber ich belästige Sie wohl mit meinen Verbesserungen?"
  "Im Gegenteil. Ich freue mich, zum Richtigen anleitet zu werden."
  "Nein, angeleitet. An ist keine Vorsilbe, sondern ein wirkliches Verhältniswort. Bei Zeitwörtern, die mit einem Verhältniswort zusammengesetzt sind, wird immer ge gesetzt, und zwar wird es zwischen Zeitwort und Verhältniswort eingeschaltet. Man bildet mitgeteilt, weil mit ein Verhältniswort, aber 'erteilt', weil er nur eine Vorsilbe ist. Aus demselben Grunde heißt es ausgezogen aber erzogen, angetragen aber vertragen, durchgegangen aber entgangen. Hier muß immer streng unterschieden werden."
  "Sie sagen 'unterschieden'. Ist nicht unter ein Verhältniswort und müßte es also nach Ihrer Regel nicht untergeschieden heißen?"
  "Nein, nur unterschieden. Bei diesem Zeitwort wird unter nicht mehr als Verhältniswort empfunden. Nur wenn ein solches noch seinen räumlichen oder zeitlichen Sinn hat, wenn also das Zeitwort in eigentlicher, nicht in übertragener Bedeutung verwendet wird, schaltet man im Mittelwort ge ein. Ein Balken wird übergelegt, weil hier über einen räumlichen Sinn hat, und das Zeitwort noch in seiner eigentlichen Bedeutung steht. Aber ein Plan wird nicht übergelegt, sondern überlegt, weil hier das Zeitwort nur bildlich zu verstehen ist. Aus denselben Gründen sagt man: eine Person wird auf einem Boote übergesetzt, aber eine Horaz-Ode wird übersetzt; ein Tuch wird untergebunden, aber ein schlechter Einfluß unterbunden; man hat einen Mantel übergeworfen, aber man hat sich mit seinen Freunden überworfen; ein Faden wird durchgezogen, aber ein Land durchzogen. Es ist ein großer Unterschied, ob man sagt, eine Tür sei durchgebrochen oder durchbrochen: die durchgebrochene Türe ist in des Wortes eigentlicher Bedeutung durch eine Wand gebrochen worden, während der Ausdruck 'durchbrochene Eisentüre' eine kunstvoll geschmiedete, gitterartige Türe bedeutet, durch die man hindurchsehen kann und an der in Wirklichkeit nichts gebrochen worden ist. Man spricht auch rein bildlich von durchbrochenen Regeln, Verträgen, Gesetzen usw., und es würde sehr lächerlich wirken, wollte man sagen, unsere Damen trügen durchgebrochene an Stelle von durchbrochenen Strümpfen. Haben Wörter keinen metaphorischen Gebrauch, dann sind auch nur Mittelwörter mit ge möglich; die Formen unterkrochen oder untertaucht gibt es nicht. Umgekehrt können die nur bildlich gebrauchten Zeitwörter auch nur Formen ohne ge bilden: überzeugt; niemals übergezeugt, durchgeistigt usw. Wir haben hier eine ganz besondere Feinheit der deutschen Sprache vor uns."
  "Nach der eben entwickelten Regel," so mischte ich mich ins Gespräch, "heißt es also: eine Farbe werde aufgetragen, weil hier 'auf' noch eine räumliche Beziehung ausdrückt; aber ein Gruß werde 'auftragen', weil in diesem Zusammenhang das Zeitwort nur bildlich gebraucht wird. In entsprechender Weise werde ich künftig sagen, daß ausgerenkte Glieder eingerichtet, aber Postämter einrichtet werden; daß Blumen abgebrochen, aber Gespräche abbrochen werden; daß Fahnen vorgetragen, aber Gedichte vortragen werden; daß einer durch ein Loch durchgefallen, aber durchs Examen durchfallen sei; daß -"
  Der Schriftsteller runzelte die Stirn: "Ich habe vergessen, zu sagen, daß die erwähnte Regel nur für gewisse Präpositionen, wie über, unter, durch gilt, wie übrigens schon aus den Beispielen hervorgeht. Selbstverständlich müssen alle grammatischen Regeln cum grano salis aufgefaßt werden. Ausnahmen lassen sich immer leicht aufstöbern. Der Sprachgebrauch ist ja so veränderlich und daher regellos. Wer die strenge Allgemeingültigkeit der Naturgesetze fordert, muß auf grammatische Regeln verzichten."

 

  Auf dieses schöne Geständnis hatte ich gewartet. Auch der Ausländer schien nicht sonderlich befriedigt. Da ich die wirkliche Regel nicht kannte, riet ich, eine in der deutschen Grammatik zuständigere Person zu befragen als gerade einen deutschen Schriftsteller. Eine solche fand sich denn auch in Gestalt eines vierzehnjährigen Realschülers. Dieser gab eine verblüffend einfache, für alle eigentlichen Zeitwörter ausnahmslos gültige Regel: Ist die erste Silbe des Zeitworts im Präsens betont, wird das Mittelwort mit ge gebildet; fällt die Betonung auf eine andere Silbe, ist ge wegzulassen.

  Es stimmt immer: wir bilden von 'ich singe' gesungen, von 'ich frohlocke' frohlockt. Der Zusatz 'im Präsens' ist notwendig, weil wir im Deutschen Zeitwörter mit trennbaren Verhältniswörtern haben, die aber im Infinitiv als solche nicht erkennbar sind. 'Ich setze über' und 'ich übersetze' sind zwei verschiedene Wörter, von denen das erste auf der ersten Silbe betont ist und demgemäß übergesetzt bildet, während das zweite auf der dritten Silbe betont ist und demgemäß die Form übersetzt hat. Im Infinitiv von ausposaunen und ausrechnen liegt in beiden trennbaren Zeitwörtern der Ton auf der ersten Silbe; aber aus dem Präsens und nach der Trennung ersieht man, daß zwar ausposaunt, aber ausgerechnet bebildet werden muß. Ebenso ist es mit aufmarschiert und aufgetragen usw.

  Sind von manchen Zeitwörtern beide Formen in Gebrauch, dann ist auch immer ihre Betonung schwankend. Einige sagen wíllfahren, andere willfahren, einige mißbilligen, andere mißbilligen; und deshalb auch gewillfahrt und willfahrt, gemissbilligt und mißbilligt. Man hört meist "benedeit seist du Maria", weil das Lehnwort in der Regel auf der dritten Silbe betont wird. Da man es aber auch mit dem Ton auf der ersten Silbe hört, konnte Heine in der Wallfahrt nach Kevelaer schreiben: du hoch Gebenedeite.
  Immer ist nur und nur die Betonung für das Setzen und Fehlen des ge im Mittelwort maßgebend. Und alle die von dem Schriftsteller gegebenen Regeln waren ausnahmeslos falsch. Falsch ist es, zu sagen, der Unterschied in den Formen ertragen und angetragen sei darauf zurückzuführen, daß er eine Vorsilbe, an ein Verhältniswort sei; falsch ist es zu behaupten, die Fremdwörter als solche bildeten das Partizip ohne ge; wie die Formen gelyncht, gestreikt, getypt, gestartet im Gegensatz zu trompetet zeigen; und die Deutschamerikaner sagen in ihrem schauderhaften Kauderwelsch nach Analogie ganz richtig, ihre Drinks würden gemixt, während sie instinktiv mixiert bilden würden, wenn mixieren an Stelle von mixen gebräuchlich wäre. Allerdings endigen die allermeisten Verben, die Fremdwörter sind, auf ieren, wobei der Ton immer auf i liegt, so daß diese Wörter niemals auf der ersten Silbe betont sein können. Infolgedessen erscheint die Regel: die aus fremden Sprachen entlehnten Zeitwörter bildeten das Mittelwort ohne ge, unter Anerkennung von vielleicht zehn "fast" richtig.
  Aber dies ist eine - wie man sagen könnte - "zufällige" Richtigkeit, die am Nebensächlichen haften bleibt und das wirklich allgemeingültige Betonungsgesetz verkennt.
  Trotz ihrer Falschheit würden wohl alle von dem Schriftsteller gegebenen Regeln von den allermeisten Deutschen ohne weiteres geglaubt werden, wenn man sie ihnen in der vorgeführten Weise mundgerecht machte. Wer kennt schon den grammatischen Kleinkram seiner Muttersprache? Erscheinen die Regeln nicht auf den ersten Blick ohne weiters einleuchtend? Warum sollte der Hörer sie bezweifeln, zumal wenn sie in autoritativem Ton - wie allgemein anerkannte Schulweisheit - vorgetragen werden? Die Beispiele erscheinen so beweiskräftig, sie könnten beliebig, bis in die Hunderte gehäuft werden; und von den Gegenbeispielen kann man nicht erwarten, dass sie zur rechten Zeit ins Bewußtsein treten, denn die guten Einfälle kommen nicht wenn man will, sondern wen sie  wollen. Und der Hörer ist doch nicht in der Lage, im Laufe eines Gesprächs lange Pausen zu machen, um jedesmal eine umständliche Induktion und zeitraubende Prüfung zu veranstalten, für die ihm überdies meist die inneren und äußeren Vorbedingungen fehlen. Also nimmt er die so einleuchtenden Sätze auf Treu und Glauben hin, und die unendliche Zahl der Irrtümer auf der Welt ist wieder um einen vermehrt.